Freitag, 28. März 2008

Ups and Downs


Es ist mal wieder spät geworden, hier in unserem gemütlichen Hostel. Bevor ich ermattet ins Bett falle, möchte ich noch Bericht erstatten. Der Tag fing an, wie jeder andere Arbeitstag hier auch: aufstehn um 6:45. Danach zum Frühstück kurz in die Funnies reinschauen, und (sehr wichtig!) genüsslich eine Tasse Earl Grey schlürfen - der ist hier übrigens sein Gewicht in Gold wert. Anschließen galt es, sich gegen die eisige Kälte der Abfahrt zu wappnen. Heute hab ich es mal mit 4 Schichten Windstopper versucht, also allem was ich hab. Das Ergebnis war immernoch nicht zufriedenstellend. Es geht von der Herberge etwa 3km steil bergab. Um halb 8 herrschen da etwa -10 bis -15 Grad, die zusammen mit dem Windchill meinen halbschlafenden Metabolismus täglich aufs neue überfordern. Erfreulicherweise gelingt es mir aber stets, auf den restlichen Kilometern zur Stadt der Kälte durch zügiges Tempo Herr zu werden (dieses ist auch notwendig, da ich mir beim Frühstück zu viel Zeit gelassen habe und spät dran bin).

Nach dieser Talfahrt erwartete mich heute ausnahmsweise mal ein liegengebliebenes Projekt vom Vortag, bei dem noch einiges im Argen stand - O-Ton Al: ''Downhillbikes suck!'' Außerdem gab es sogleich einen Tageshöhepunkt - meinen allerersten Paycheck! Die Arbeit am Stinky, so der (passende) Name der Bergabschaukel, war nervenaufreibend und zeitaufwändig, doch bis zum Mittag hatte ich es besiegt und auch wieder einiges dazugelernt. Gerade wollte ich zur Bäckerei aufbrechen und im Anschluss meinen Paycheck zur Bank schaffen, da kam Terry mit froher Kunde in unser Bike-Basement herabgepoltert: ''Your bike's here! It's upstairs!'' Ich dankte ihm für diese erfreuliche Nachricht und begab mich gemäßigt nach oben. Okok, ich stürmte die Treppe rauf und jubelte vor Freude. Meine Begeisterung erhielt einen gehörigen Dämpfer, als die kleine runde Postfrau die Hand aufhielt: ''230Dollars and 26Cents, please.'' Ja, hier in Kanada darf ich auf mein eigenes Rad Steuern bezahlen. Wendy legte das Geld freundlicher Weise für mich aus. Damit bekam die Fahrt zur Bank eine ganz andere Bedeutung, denn ich konnte mich schon vorab von einem substanziellen Teil meines Paychecks verabschieden. Trotzdem wollte sich keine schlechte Laune einstellen, denn es war sonnig draußen, und eine Woche reicht noch lange nicht, um mich an die atemberaubende Aussicht zu gewöhnen, die man selbst von innerhalb der 'Stadt' hat. Außerdem war mein Rad da! Also habe ich zur Feier des Tages für die ganze Belegschaft Törtchen gekauft.

Der Nachmittag zog sich uuunneeeennddlliiicchhh in die Länge, ich hatte das Pech, unter anderem ein sehr ramponiertes Townie (so nennen die ihre Stadtschlampen hier) zu bekommen, an dem so ziemlich alles kaputt war. Mit viel fluchen und schimpfen - auf deutsch, davon sind die Jungs in der Werkstatt begeistert - und ein klein wenig Gewalt gelang es mir, die Schrottkarre eine halbe Stunde vor Ladenschluss wieder fit zu bekommen. Al grinste wissend: ''Now you just need to clean up your bench, and then you can build your own bike.'' Die nachfolgende Aufbauparty war definitiv das zweit-awesomste Ereignis dieser Woche. AC/DC hämmerte durch die Werkstatt, es gab reichlich Bier, und alle fanden Zeit, mal reinzuschauen und meine Freude zu teilen. In dieser Atmosphäre war es leicht, sich für das eine oder andere Upgrade am Rad zu entscheiden, denn eigentlich mussten die Teile ja schon lange ersetzt werden, und bei den super-Staff-Preisen wäre es ja dumm, nicht gleich bessere zu nehmen... (Zu diesem Zeitpunkt hatte sich dann bereits die Hälfte meines Paychecks amortisiert.)

Irgendwann gelang es mir dann doch, mich von meinem 'Arbeitsplatz' loszureißen, meine Lebensmitteleinkäufe zu machen, und mich auf meinem(!!!) Rad gen Hostel zu begeben. Kurz vor dem Abzweig zum Anstieg hatte ich dann noch die Gelegenheit, ner Elchherde beim Überqueren der Straße zuzusehen, und ich sage euch eins: wenn ihr denkt, ich hätte ne Arschruhe weg, dann solltet ihr euch die mal anschaun!

Das Bergauffahren ist eine wahre Freude mit dem Rad, das um einiges leichter und wendiger ist, als das große, schwere, und trotzdem irgendwie charmante HoChiMin. Letzter Höhepunkt des Tages war unser Abendessen, Sandwiches mit selbstgebackenen Brot, Porkchops heiß vom Grill, frischen Blattspinat & Zwiebeln. Pläne für morgen? Ausschlafen. Laange Duschen. Lääänger Frühstücken. Kekse backen (danke für die Rezepte, Mama).

Stay tuned,
Dirk

Donnerstag, 20. März 2008

Awesome!



Aber wirklich alles hier lässt sich mit diesem Multifunktionsadjektiv beschreiben. Die Wildnis ist genau das - wild, wunderschön und rieeeesiig! Riesig sind auch die Preise für Lebensmittel - 1 Glas Nutella macht 5 Bucks, n halbes kilo Hänchenfleisch 11 Bucks, der Liter Mineralwasser 2 Bucks: Jasper ist ein Mekka für Diätwillige, denn hier gewöhnt man sich das Essen ab. Awesome ist auch die Lage der Herberge, in der ich in Ermangelung einer Unterkunft residiere - z.Z. nehmen ca.700 Pipelinearbeiter jedes freie Bett in Jasper und Umgebung in Beschlag. Also hab ich die Freude, jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit 8km in die Stadt zu fahren und dabei die Aussicht zu genießen. Einem schnellen Heimweg steht dabei allerdings ein gar steiler Anstieg im Weg, verdammt lange 3km für meinen untrainierten Körper. Aber gutes Training. Sowohl Staff als auch Gäste in der Herberge sind unglaublich cool & nett.

Mir scheint die ganze Stadt ist einfach nur gut drauf. Überall wird gegrüßt und fast jeder hat Zeit für ein Schwätzchen. Am allerallerawesomesten ist jedoch Freewheel Jasper, der beste Fahrradladen der Welt, aber sowas von! Ich war am Dienstag keine 30 Minuten im Laden, und schon durft ich das erste Rad zusammenschrauben. Und weil mein Rad noch nicht da ist, hab ich für die Zeit ein Leihrad bekommen - kostenfrei natürlich. Der ganze Laden ist voll von positiver Energie, alle Leute sind total locker. Die 'Chefin', Wendy, ist das Zentrum des Trubels. Sie trinkt Kaffee literweise, redet mit Überlichtgeschwindigkweit und findet alles AWESOME.

Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass die Trails noch vereist sind, aber ich denke, für ein paar Wochen werd ich Straßentouren überleben, schließlich ist die Gegend hier so awesome.

Und damit schließt sich der Kreis, jetzt werf ich mich in mein gemütliches Bett im Schlaafsaal, morgen wartet eine weitere 10Stunden-Schicht.

Bilder wie immer im Flickr.

Stay tuned,
Dirk.



(Auf deutsch schreiben wird immer schwerer, wenn man den ganzen Alltag auf Englisch verbringt.)

Dienstag, 18. März 2008

Edmonton


''You know how people call Edmonton? Dead-Man-Town. They stab each other here, for drugs and money.'' Die Person die das zu mir sagt ist Lynn, eine kleine, leicht verwitterte, sympatisch verrückte Frau. Sie durchquert gerade Kanada mit ihrem Fahrrad, ist in Montreal gestartet. ''But I'm cheating!'', lacht sie - von Zeit zu zeit überbrückt sie größere Strecken per Anhalter, Trucks nehmen sie mit. Schutzbleche gibt es an ihrem Rad keine, es funktioniert nur eine Bremse, und sie begegnet dem Winter hier auf schmalen Slicks. Ich frage, wie sie damit auf Schnee und Eis vorwärts kommt - sie kuckt mich schief an ''They're fast.'' und damit ist das Thema erledigt. Heute fährt sie in Richtung Jasper. ''See you there''

Die Warnung der freundlichen Weltenbummlerin kann ich weder bestätigen noch wiederlegen, eines ist jedoch sicher: für Europäer ist Edmonton anders, seltsam und interessant zugleich. Rico, weit- & weitergereister italienischer Roomie, beschrieb es treffend: ''It's like you're in a movie.'' Und wirklich, alles hier ist groß und eckig, es sieht aus wie in den bekannten Filmen aus einem bekannten Land, das ich hier lieber nicht nenne, da die Kanadier degegen allergisch sind... Interessant sind außerdem die durchschnittlichen -10°C, die je nach Wind und Sonneneinstrahlung zwischen gefühlten +5°C und -20°C schwanken. All dies zu erkunden hatte ich gestern viel Zeit. Eigentlich wollte ich ja nur ein Busticket für morgen kaufen, und dazu mit dem Bus zur Greyhound-Station fahren. Das Ende vom Lied war, dass ich (freiwillig!(Ja!!(ECHT JETZ!!!))) ungefähr fünf Stunden durch Downtown und Old Strathcona spaziert / gerannt (je nach Wärmegefühl) bin.

Der heutige Tag kann ebenfalls unter der Überschrift Eigentlich wollte ich ja nur... zusammengefasst werden. Ich beabsichtigte ursprünglich, diverse Kleinigkeiten, die ich nicht dabei habe (Kamerastativ, Barttrimmer, Haarspülung etc), zu besorgen. Der perfekte Anlass, die (angeblich) weltgrößte Mall zu besuchen, in deren 700irgendwas Geschäften es sicher alles was man braucht und noch viel mehr was man nicht braucht geben sollte. Dieses Einkaufszentrum beherbergt unter anderem einen ausgewachsenen Vergnügungspark, ein Wellenbad mit mindestens 50 Kilometer Rutschen, die (angeblich) höchste Indoorbungeeanlage der Welt, ein Tauchcenter, ein Hotel mit Ballsaal, eine Robbenshow und keinen einzigen nützlichen Wegweiser.



Ich will da NIE wieder hin! Und ja, ich habe fast alle Artikel auf meiner Liste abhaken können. Mit wenigen Ausnahmen gelang es mir auch, dem allgemeinen Kaufwahn zu widerstehen - einzig der Test, ob ich schon in ne ZARA Filiale reingehen kann, ohne was zu kaufen, ist wieder einmal negativ ausgefallen. Oh, und die Levi's für $35 war ja echt günstig. Und was kann ich dafür wenn ich, zuversichtlich dem Konsumteufel entkommen zu sein, auf dem Heimweg von ebendiesem überfallen werde? Donuts für 65ct das Stück? I've died and gone to Heaven! 200g Tee & 1 Flasche Wein für je $20? Welcome to Hell! Ich tröste mich damit, dass ich in Jasper vor all diesen Verlockungen sicher bin, da gibts schließlich nur 3 Fahrradläden...

Morgen muss ich halb sechs los, hoffentlich werde ich da im dunkeln nicht doch noch überfallen...

Bilder von meinen Expeditionen findet ihr im Flickr.

Stay tuned, Dirk.

Sonntag, 16. März 2008

Bin da, wer noch?

Es war eine schöne, aber anstrengende Reise - so anstrengend, dass ich auch nach vielen Stunden Schlaf im Hostel in Edmonton ziemlich matschig in der Birne bin. Dehalb gibt es heute nur eine Fotostory.

Dresden, 06:49 Ortszeit
Reisedauer: -00:46
Im Ohr: Arrested Development - Mama's always on Stage
Im Kopf: 15 Stunden Schlaf in den letzten 3 Tagen. Sollte man nicht erst am Ende der Reise totmüde sein?


Sächsischer Luftraum, 07:55 Ortszeit
Reisedauer: +00:20
Im Ohr: The Streets - All got our Runnings
Im Kopf: Die Elbe. Ab jetzt wird nur noch nach vorn geblickt.


Frankfurt, 9:12 Ortszeit
Reisedauer: +01:37
Im Ohr: Ziggy Marley - Into the Groove
Im Kopf: Verdammt. Ich hab den USB-Stick vergessen.


Ort unbekannt, Ortszeit unbekannt
Reisedauer: +04:29
Im Ohr: Irgendwas von Bob Dylan
Im Kopf: ''I refuse to disassociate myself from all the evil in the world.'' Recht hat er.


Ort unbekannt, Ortszeit unbekannt
Reisedauer: +05:09
Im Ohr: Irgendwas andres von Bob Dylan
Im Kopf: Der Merlot auf 32000 Fuß ist ganz trinkbar.


Neufundländischer Luftraum (Vermutlich), Ortszeit - zu faul auszurechnen.
Reisedauer: +08:30
Im Ohr: Gypsy Kings - Mira la Chica
Im Kopf: Ich kann bald nimmer sitzen.


Im Anflug auf Toronto, 12:03 Ortszeit
Reisedauer: +10:28
Im Ohr: Kan - Mexico
Im Kopf: Fasten your seatbelts, please.


Toronto Int., Gate 143, 14:52 Ortszeit
Reisedauer: +12:17
Im Ohr: The Roots - Essaywhummin
Im Kopf: Was glotzt Ihr (meine Mitreisenden) so?!


Toronto Int., Gate 143, 16:42 Ortszeit
Reisedauer: +14:07
Im Ohr: Jhonny Cash - Hurt
Im Kopf: Was denn sonst? (Eigentlich war ich ja schon auf Seite 58, aber sonst erkennt ja niemand die Parallele...)


Irgendwo über Kanada, Ortszeit unbekannt
Reisedauer: +18:39
Im Ohr: ARC Ensemble - Trio in E Flat Major
Im Kopf: Endlich holt mich die Dämmerung ein.


Hostelling International Edmomton, Zimmer 202, Ortszeit 21:29
Reisedauer: +20:54
Im Ohr: Nichts mehr.
Im Kopf: Nichts mehr, außer der matten Zufriedenheit, endlich da zu sein.


Stay tuned,
Dirk.

Edit: Bilderlinks repariert, größere Bilder im Flickr

Sonntag, 2. März 2008

Das Rad ist fertig!


Und dreckig ist's auch schon. Weil ich zu eitel war, im Keller ein Bild zu machen, wurde es vom Sturm ins schlammige Feld geworfen. Soviel dazu.

Morgen soll's verschickt werden, vorher muss es allerdingens noch zum Zoll, ich brauch noch den Passierschein A38. Ein dickes Lob hat die Firma Gollmann verdient, die mal wieder alles stehen und liegen lassen haben, damit ich mein Rad rechtzeitig bekomme. Danke!

Dies wird also mein treuer Begleiter für die hoffentlich zahlreichen und ausgedehnten Touren durch den Jasper National Park sein. Namen hat es noch keinen, den muss es sich noch verdienen. Ich bin sehr gespannt, was für eine Beziehung wir aufbauen werden, ob es genauso Teil meines Körpers werden kann, wie zum Beispiel Tessa in der Stadt.