Donnerstag, 24. April 2008

Fotostory #2

Für alle, die den ganzen Mist (unterer Post) nicht lesen wollen, sowie alle anderen auch, hier ein paar Bilder:


Links: Chris, ehemaliger Skilehrer, Comanager von Freewheel, Mann von Wendy, imitiert gern Rednecks.
Rechts: Derek, Lockenträger, ausgezeichneter Mechaniker, Snowboarder, mag Green Treats.


Bildmitte: Das Wetter, sonnige -10 Grad, Windstille.

Außerdem vor Ort: Dirk...

...unbeschreiblich elegant...


...übermütig...


...und schließlich gestrandet im Eis.

Und zum Abschluss - Das Städtchen Jasper:


Alle anderen Bilder wie immer unter http://flickr.com/photos/jasperkasper/.

Cheers,
Dirk.

Mittwoch, 23. April 2008

''Das ist aber eine komische Wolke...''

''...so komisch hell, und bewegen tut ;P sie sich auch.'' Dann dämmerte es mir: das ist gar keine Wolke, das sind Northern Lights - Nordlichter! Eigentlich hatte ich meine Stirnlampe nur ausgeschalten, um die Sterne besser zu sehen, aber damit hatte ich nicht gerechnet. Ich eine ganze Weile stand ich still, allein auf weiter Flur, und starrte fasziniert in den Himmel. Irgendwann kroch die Kälte der Nacht dann leider doch durch die vielen Schichten Kleidung und zwang mich dazu, weiterzufahren. Es waren noch ein paar Kilometer bis zum Hostel, die es in leichten Schlangenlinien (teils wegen der Steigung, teils wegen des Bieres) zu bewältigen galt. Trotzdem war ich froh, Wendys Angebot, mir ein Taxi zu rufen, ausgeschlagen zu haben. Schließlich sorgt kaum etwas so gut für einen klaren Kopf wie eine Heimfahrt unter dem - wegen der klirrenden Kälte - sternenklarnen Himmel. Die örtlichen Light Pollution Laws sind sehr strikt, deshalb wirkt das Sternenzelt hier ungleich größer als zuhause.

Doch vielleicht sollte ich von vorn beginnen - ab ovo, wie wir Lateiner sagen. Und mit dem Ei - genauer gesagt zwei Eiern - fing am Dienstag auch alles an. Dann kamen noch Milch und Mehl dazu, und fertig waren die Pancakes. Zusammen mit Jogurt und Ahornsirup gibt das ein sehr kanadisches Kraftfrühstück, ideal für einen langen Tag auf 2 Brettern. Womit wir auch schon beim nächsten Thema wären: den Berg in die Stadt runter brettern - ging nicht! Es hatte nämlich über Nacht einige Inches Schnee ge...ähm...schneit, und ich wollte meine spektakulären Abgänge doch nicht im Wald vergeuden, wo's keiner sieht, außer der Sonne. Denn nach einer furchtbar langen Zeit, so schien es mir zumindest, gab sich Klärchen mal wieder die Ehre - und wie! Am Fuße der Abfahrt musste ich die erste Jacke auziehen, wenig später eine weitere, sowie Handschuhe, Mütze & Halstuch. Trotzdem war mir, als ich im Laden ankam ordentlich warm. Jetzt galt es, die passende Ausrüstung aufzutreiben. Boots, Ski & Stücke waren in der Leihabteilung von Freewheel schnell gefunden, als Jacke würde bei den milden Temperaturen das (supergeile!) Dakine Softshell ausreichen, das ich zuvor gekauft hatte, und Handschuhe hatte ich ja. Es fehlten nur noch Skihosen. Also machte ich mit Chris einen kurzen Abstecher zu seinem und Wendys Haus, wo er mir ein Paar Freestylepants verpasste.

Meine Ausstattung war also komplett. Leider war es doch nicht möglich, den Laden für einen ganzen Tag zu schließen, also würden nur Chris, Derek und ich auf den Hügel fahren. Chris riet mir, hinten im Van einzusteigen, ''Because we are gonna smoke a Joint!''. Denn das, meine Freunde, ist the Canadian Way des Skifahrens: ''Riding, drinking, smoking pot.'' Ich beschloss, mich zumindest bei letzterem zurückzuhalten. Bald bogen wir ab vom Parkway 93 und fuhren die Straße hinauf zum Marmot Basin. Je höher wir kamen, desto platter drückte ich meine Nase an der Scheibe - die Aussicht war einfach fantastisch. Allzu sehr konnte ich sie jedoch nicht genießen, denn Chris - aufgelockert durch Grünpflanzen - nahm die Schneebedeckten Steilkurven sehr enthusiastisch. Wenig später waren wir auch schon oben, erhielten unsre Tagespässe, legten unsrer Ausrüstung an, und nahmen das erste Bier des Tages. Der Parkplatz war einige hundert Meter oberhalb des ersten Lifts und auf dem weg dorthin verpasste mir Chris eine - wie er es nannte - ''fortyfive second ski lesson''; rückwärts vor mir herfahrend und Anweisungen schreiend. Unten angekommen winkte er gelassen ab: ''You'll be fine, you already got it dialed.''

Und wirklich - schwierig war es nicht gewesen. Zwar benahmen sich die Ski anders als die Langläufer, die ich bisher gewohnt war, doch mir kam die Ahnung, dass ich damit viel Spaß haben könnte. Als nächstes ging es aufwärts mit dem ersten Lift, zu einigen einfacheren Pisten zur Eingewöhnung, auf denen Chris und Derek sich mit Sprüngen amüsierten. Ich versuchte die soeben gehörten Lektionen so gut wie möglich in die Tat umzusetzen, doch immer wieder kam der Ruf von Chris ''Arms up, like a dork!'' Unversehens befand ich mich am Fuße eines Liftes FOR ADVANCED SKIERS ONLY, und Chris und Derek blickten mich fragend an. Ich grinste: ''Why not?'' Von oben führte genau eine blaue (=mittelschwere) Piste nach unten, und natürlich einige Single Blacks und Black Diamonds. Double Blacks, das heißt so viel wie ''nur für Bescheuerte'' gibt es nur wenige. Natürlich nahm ich die blaue, schließlich hänge ich ein wenig am Leben, und stand grad mal eine Stunde auf Abfahrtsskis. Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass Chris und Derek keine der Pisten nahmen, sondern die Hänge, die zum präparieren zu steil und auch nicht freigegeben waren. Langsam aber sicher bekam ich ein Gefühl für die Schwünge, doch natürlich blieben einige (harmlose) Stürze nicht aus. Wieder am Parkplatz wurde erstmal aufgetankt, und ab ging es wieder. Diesmal schleppten mich die beiden auf einen Black Diamond, zweithöchste Schwierigkeit auf dem Hügel, und verdammt steil. Mir ging ganz schön die Muffe, aber irgendwie bin ich heil unten angekommen, und hatte Blut geleckt: ich wollte mehr! Also nahmen wir den Lift zur Spitze des Berges, und dort schickte mich Chris einen Hang hinunter, der gar keine Klassifizierung hatte, außer einem großen Warnschild: ATTENTION. Die Abfahrt war steil, schmal, und sehr bucklig. Während ich mich Schwung für Schwung nach unten kämpfte und mehr als einmal im Schnee landete, kam Chris dann und wann aus den umstehenden Bäumen herausgeschossen, schaute, ob ich noch lebte, und war mit einem Sprung wieder verschwunden. Irgendwie gelang es mir alle Bäume zu verfehlen und in einem Stück unten anzukommen. Für die letzte Abfahrt des Tages hatten sich Chris & Derek etwas ganz besonderes herausgesucht - Geikie Street: lang, steil und eisig, dafür aber schön breit. Begeistert rauschte ich in weiten Kurven zu Tale - während meine beiden Kollegen den etwas direkteren Weg nahmen. Bei einem etwas ruppigerem Schwung beschloss mein linker Ski, dass er sein eigenes Ding machen wolle, und verließ mich. Leider war der Hang so steil, dass ich ein ganzes Stück rutschte, bevor ich endlich einigermaßen zum Sitzen kam. Um an mein flüchtiges Sportgerät zu gelangen musste ich die Spitzen der Skischuhe in den hartgefrohrenen Schnee hacken, während ich mich mit den Fingerspitzen festkrallte. Dann ließ ich mich gaanz vooorsiiichtiig zum Rest meiner Ausrüstung heruntergleiten und machte mich daran, die Ski wieder anzulegen - gar nicht so einfach wenn man dauernd nach unten weiterrutscht. Noch komplizierter wird es natürlich, wenn man den Ski falschrum hält, wie mir die inzwischen herbeigekommene Skiwacht freundlich mitteilte. Nachdem auch dieser Mißstand erfolgreich behoben war, nahm ich meine Talfahrt wieder auf.

Wenig später am Parkplatz wurde der erfolgreiche Tag erstmal ausführlich besprochen und vor allem begossen, und natürlich durfte für Chris & Derek auch das Weed nicht fehlen. Irgendwann gab es dann nichts mehr auszuwerten, aufzurauchen, auszutrinken oder einzupacken und wir machten uns auf die Heimfahrt (die nur ein ganz klein wenig halsbrecherisch war). Zurück in Jasper lud mich Derek in sein Apartment ein, das sehr günstig direkt über Freewheel gelegen ist. Dort überbrückten wir die Zeit mit mehr Bier, Weed und Cookies, und ich freundete mich mit Dereks leicht verrücktem aber durchaus liebenswerten Kater Roo an. Um halb acht gingen wir dann aus dem Haus und genau zwei Eingänge weiter zu EVIL DAVE'S, einem der besten Restaurants in Jasper. Die Freewheel Staff Party war im Gange, und es ging bereits hoch her. Während der nächsten Stunden aßen, tranken und lachten wir ausgiebig, und versuchten gemeinsam einen Namen für die demnächst öffnende Zweigstelle zu finden. Dabei mangelte es nicht an Kreativität, doch es war schwierig, unter den zahlreichen Vorschlägen einen einigermaßen jugendfreien Namen zu finden. Irgendwann verlagerte sich die Feierlichkeit dann in Andrews Apartment - 3 Eingänge die Straße runter (ja so groß ist Jasper). Dort wurden die Fahrräder (4 von ihm, 2 von seiner Freundin, 2 im Bau) vom betrunkenen Fachpublikum ausgiebig befingert und begutachtet. Unter lauter Musik ''It annoys my neighbors - heehee!'' gab es mehr Bier, und je nach Bedarf auch mehr Weed.

Irgendwann, und unter Protest aller Anwesenden, machte ich mich dann mit dem Rad auf den Weg zum Hostel. Der Übergang hätte kaum mehr abrupt sein können, von der feuchten lärmenden Hitze der Party in die eiskalte Stille der Nacht hinaus. Ich genoss jeden Moment, als ich durch die stummen Wälder unter den klaren Sternen in Richtung meines Bettes radelte - glücklich, erschöpft, und ein klein wenig betrunken.

Stay tuned,
Dirk.

Samstag, 19. April 2008

Waaaaa! Aaaargh!



Das und noch mehr Sachen (die nicht für zarte Gemüter taugen) hab ich heut auf dem Weg zur Arbeit dem schneidenden Wind entgegengeschrien. Sonderlich beeindruckt war er allerdings nicht. Stattdessen verdoppelte er einfach das Bombardement auf zwei Milliarden Eisnadeln pro Sekunde. Bastard.

Ja, ich gebs zu, ich bin ein verweichlichter Mitteleuropäer, ich dusche warm, ich mag keine Kälte. Normal ist das aber trotzdem nicht, Höchsttemperaturen von -9°C Ende April, und das lassen auch die Einheimischen durchblicken. Nur Al erregte Aufsehen mit seiner Abhärtung, als er heute aus dem eiskalten Sturm barfuß in Flipflops in den Laden trat. Die allgemeine Bewunderung wischte er mit einer Grimasse beiseite, und aus seinen leicht bläulichen Lippen zwängte er die Worte ''Laundry Day.'' hervor.

Zugegeben, als ich vor nunmehr fast fünf Wochen hier ankam, war es nicht viel wärmer - nachts. Doch wenigstens konnte ich in meiner Mittagspause mal nur im Sweatshirt in der Sonne sitzen und lesen. In den letzten Tagen fordert jeder Schritt vor die Tür mindestens genauso viel Überwindung wie ein Sprung in kaltes Wasser, und sehr viel anders fühlt es sich auch nicht an.

So wie es im Moment aussieht reicht meine Gaderobe geradeso aus, dass ich auf dem Weg zur Arbeit nicht erfriere, doch besonders meine Hände sind jedes mal verdammt nah dran. Nun werdet ihr fragen, warum ich mir im Wintersportort Jasper nicht einfach ne dicke Jacke und vor allem ein paar ordentliche Handschuhe kaufe. Die Antwort ist einfach: bis zu dem plötzlichen Kälteeinbruch war der Wintersportort schon voll auf Frühling eingestellt, und sämtliche mir passende Wintersachen in Superhalfpriceausverkaufsales in die Taschen der letzten Skitouristen gewandert. Glücklicherweise und aus lauter Freundlichkeit hat Derek (einer unserer besten Mechaniker) mir versprochen, mal seine Wintersachen zu durchforsten, damit ich wenigstens am Dienstag angemessen gekleidet bin.

Denn am Dienstag wird Freewheel Jasper seine Türen nicht für Kunden öffnen, nein. Stattdessen werden sich alle Angestellten auf den zunehmend leeren Pisten des Marmot basin Skigebietes austoben. Glücklicherweise ist Chris, der Mann von Wendy, Skilehrer, und die beiden haben versprochen, mich in einem Stück vom Hügel wieder runter zu bringen. Ich freu mich schon drauf. Abends dürfen die Überlebenden des Skihanges es sich dann beim Staff-Dinner gutgehen lassen - und Terry sicher auch. Der wollte sich nicht so lange gedulden und hat sich gleich diese Woche beim Snowboarden die Schulter ausgerenkt und den Finger gebrochen. Damit ist er reichlich vier Wochen außer Gefecht gesetzt, nimmt es aber mit Humor: ''At least it will be sunny by then, and the Trails will be dry!''

Mich dauert seine Verletzung besonders, hatten wir doch letzten Montag einen schönen, verrückten und auch ein bisschen gefährlichen Tag zusammen. Doch das ist eine andere Geschichte, die von Felsen, Erdhügeln, Selbstüberwindung, und auch von Hamburgern, Bier und Hockey handelt.



Stay tuned,
Dirk.

Montag, 7. April 2008

On Hostelling


Eine Herberge ist der ideale Ort, um nette Leute aus aller Welt zu treffen, mit ihnen zu kochen, zu reden, zu singen... Man kann mit anderen Reisenden Ausflüge machen, und ein klein wenig von ihrer Sprache und Kultur kennenlernen. Man ist quasi nie allein, und hat immer jemanden, mit dem man sich unterhalten kann. Hier lässt es sich aushaulten.
So oder so ähnlich waren meine Gedanken während der ersten Woche hier im Hostel. Während dieser Zeit war Chris (reisender Musiker, Philosoph & Genussmensch) sowas wie ein ständiger Begleiter:

An einem gewissen Punkt - ich kam von der Arbeit, er hatte gekocht und fragte mich wie mein Tag war - stellten wir amüsiert und ein wenig erschrocken fest: ''It's like we're married!'' Leider ist er vor einiger Zeit nach Vancouver weitergezogen, hat aber seine Rückkehr im Mai angekündigt, dann will er mir Fliegenfischen & Gitarrieren beibringen. In der Zwischenzeit habe ich viele weitere nette Leute kennenlernen dürfen, doch die Gewohnheit lässt nach und nach die Vorteile des Hostelling in einem anderen Licht erscheinen: nach einem langen Arbeitstag hat man einfach keine Lust, sich von wildfremden Menschen ein Gespräch aufzwingen zu lassen, vor allem wenn es die hundertste Variation von ''How are you? - Nice wheather! - What do you do in town?'' ist. Zumindest müssen es schon sehr nette wildfremde Menschen sein. Das selbe gilt für die Morgen, an denen man einfach viel zu müde von viel zu wenig Schlaf ist und nichts als sein Frühstück in sich reinstopfen will. Und das - wenig Schlaf - kann im großen Schlafsaal durchaus häufig vorkommen, zum Beispiel wenn eine koreanische Reisegruppe lautstark ihre Pläne für den nächsten Tag diskutiert, und das um zwei Uhr nachts! Ok, zugegeben, es kann sein, dass sie über koreanische Fußballigen debattierten, so gut ist mein Koreanisch nun auch wieder nicht. Sie waren auf jeden Fall so emsig bei der Sache, dass sie sich von meinem freundlichen ''Shut the fuck up!'' nicht abhalten ließen. Dass dann einer der Experten es noch schaffte, durch den Notausgang zu stolpern und den Feueralarm auszulösen war dann schon fast wieder komisch. Aber nur fast. Wer kann sich meine Freude ob ihrer Abreise am nächsten Tag vorstellen? Danke, ihr könnt die Hände wieder runter nehmen.

Doch die Atem(bzw Schlaf-)pause sollte nicht lange anhalten, denn als ich am nächsten Tag von Arbeit heimkam, verhieß ein vor der Herberge stehender Schulbus nichts gutes. Ich wurde nicht enttäuscht. Drinnen fand ich eine Horde von Highschoolinsassen vor, für deren Erziehung, Kultur und allgemeines Verhalten sämtliche Eltern und Lehrer zur Verantwortung gezogen werden sollten. Interessierte es aber ihre Begleitpersonen, dass sie (Gras) rauchten und tranken was das Zeug hielt und nicht hielt? Oder dass sie eigentlich permanent Lärm im Schlafsaal veranstalteten? Positiv ist allerdings zu vermerken, dass hier meiner nachdrücklichen Bitte um die Einhaltung der Ruhezeit doch zumindest in Ansätzen (=für fünf Minuten) Folge geleistet wurde. Den netten jungen Menschen hab ich auch zu verdanken, dass ich an einer schon länger geplanten Wanderung nicht teilnehmen konnte. Ich wollte mit den beiden Engländern Andy & Tom (Mr Bean, ohne Mist!) um 03:30 aufbrechen, um von Whistler's Top aus auf 2400m Höhe den Sonnenaufgang zu beobachten. Leider bekam ich in der Nacht davor nur etwa zwei Stunden sehr unregelmäßigen Schlaf, uhd sah mich so nicht in der Lage, einen Aufstieg von etwa vier Stunden durch Schnee, Eis und Dunkelheit zu wagen. Stattdessen schlief ich so gut es denn ging aus, und feierte die Abreise der Highschoolklasse mit einem (selbst für mich) außergewöhnlich langen Frühstück.

Und da ich schon nicht mit auf die Wanderung gehen konnte, wollte ich wenigstens noch auf dem Rad noch etwas frische Luft schnappen. Und für eine kurze Runde von maximal zwei Stunden wollt ich nicht erst was zu essen oder trinken mitschleppen. ... So, ihr könnt jetzt wieder aufhören zu lachen. Und da ich nur kurz unterwegs sein wollte, und die Trails eben noch nicht befahrbar sind, dachte ich mir, ich nehm einfach mal den Pfad neben der Straße, weil das ja sonst langweilig ist. Interessant war es auch, zu versuchen, auf dem aufgeweichten Weg eine Zielerichtete Vorwärtsbewegung aufrechtzuerhalten. Als der Weg dann für absehbare Strecke einem teilweise überfrohrenen Binnegewässer glich, gab ich mich geschlagen und nahm die Straße. Es sah etwa so aus:

Selbst von der Straße aus war die Szenerie so schön, dass man sich nichts anderes wünschen konnte, als einfach nur immer weiter zu fahren, und vielleicht ab und an mal das eine oder andere Bild zu machen.

Zumindest dachte ich das, bis ich an diese Stelle kam:

Eine abgesperrte, schneebedeckte Straße, die zu einm Aussichtspunkt führt? Viel besser wird's nicht! Die ersten paar Meter waren katastrophal. Meine Reifen waren zu schmal, und anstatt mich voranzubringen, bewirkte jeder Tritt nur, dass ich mich tiefer und tiefer in den Schnee eingrub. Glücklicherweise weiß ich durch ausführliche Lektüre von Jills Blog, was man in so einem Fall macht: Lüften. Und zwar feste, bis die Reifen fast platt sind. Das Ergebnis: Auftrieb! Zwischen den Ski- und Schneemobilspuren (und einigen beunruhigend großen Tierpranken) war meine die allererste Fahrradspur. Zwar war der Rollwiederstand hoch, und der Anstieg dementsprechend anstrengend, aber das war mir recht. Von Zeit zu Zeit sanken selbst meine künstlich verbreiterten Reifen im nassen Schnee ein, doch auch das waren willkommene Herausforderungen. Ich war glückselig: nach der langen Zeit im Hostel, wo immer Menschen um einen herum sind endlich mal wirklich allein. Ich kroch im Schneckentempo über die Straße, schaufte, schwitzte Eimerweise und konnte mir kaum etwas schöneres auf der Welt vorstellen. Als ich dann nach einer Weile aus dem Wald und auf dem Aussichtspunkt ankam, war ich fast etwas enttäuscht. Jetzt schon umdrehen? Da sollte doch irgendwo in der Nähe ein Hostel sein, und Leute sollen da auch sein, da könnte man doch mal hinfahren. Und vielleicht könnte man dort auch ein Glas Wasser bekommen, denn nach knapp zwei Stunden stellt sich so langsam Durst ein. also weiter die Straße entlang, weiter mit der ungleich größeren Widerstand, den Schnee dem Radfahrer entegen setzt, weiter durch die schönste aller Landschaften:

Die Langsamkeit, mit der der unendliche, dichte Wald vorbeizog und die Regungslosigkeit der umstehenden Berge ließen mich jedes Gefühl für Zeit verlieren. Einerseits wähnte ich hinter jeden neuen Kurve mein Ziel, das Hostel, andererseits hätte ich für immer so weiterfahren können. Naja, fast für immer. Langsam aber sicher begannen sich die ersten Ermüdungserscheinungen zu manifestieren, und was zu trinken wäre auch nicht verkehrt. Und wie weit konnte es denn sein? Es ging also weiter und weiter. Kurve für Kurve, Rampe für Rampe bezwang ich in meinem Schneckentempo. Ich began ernsthaft, an Umkehr zu denken, da sah ich ein Schneemobil auf der Straße stehen. Jetzt war ich mir sicher - gleich bin ich da! Mit neuem Mut verdoppelte ich meine Anstrengungen. Dadurch wurde ich jedoch kaum merklich schneller, nur müder. Langsam begannen sich kleine Fahrfehler einzuschleichen, und die Einsamkeit erschien noch größer. Irgendwann sah ich dann ein, dass ich das Hostel nicht erreichen würde, und kehrte um, nahm es aber mit Humor:

Auf der Abfahrt wartete dann eine böse Überraschung auf mich: die Sonne hatte einige (auch längere) Abschnitte so aufgeweicht, dass es beinahe noch anstrengender war, vorwärts zu kommen, und beinahe unmöglich, die Spur zu halten. Unten angekommen freute ich mich dann ungemein darüber, wie leicht es auf der Straße denn rollte, und dass das Rad wirklich mal dort hin fährt, wo es soll. Die letzten Kilometer zum Hostel staunte ich wieder einmal und immer noch wie groß hier eigentlich alles ist:

Erst auf dem letzten Anstieg bemerkte ich dann, wie ermüdet, hungrig und durstig ich eigentlich bin. Nicht einmal auf der allerersten Fahrt dort hinauf - untrainiert, mit schwerer Tasche & schweren Rad - hab ich mich so schinden müssen.

Dennoch war es für mich bisher der schönste Tag in Kanada!

Stay tuned,
Dirk.

Nachtrag - Hier noch ein Bild von mir an meinem Arbeitsplatz:

Freitag, 28. März 2008

Ups and Downs


Es ist mal wieder spät geworden, hier in unserem gemütlichen Hostel. Bevor ich ermattet ins Bett falle, möchte ich noch Bericht erstatten. Der Tag fing an, wie jeder andere Arbeitstag hier auch: aufstehn um 6:45. Danach zum Frühstück kurz in die Funnies reinschauen, und (sehr wichtig!) genüsslich eine Tasse Earl Grey schlürfen - der ist hier übrigens sein Gewicht in Gold wert. Anschließen galt es, sich gegen die eisige Kälte der Abfahrt zu wappnen. Heute hab ich es mal mit 4 Schichten Windstopper versucht, also allem was ich hab. Das Ergebnis war immernoch nicht zufriedenstellend. Es geht von der Herberge etwa 3km steil bergab. Um halb 8 herrschen da etwa -10 bis -15 Grad, die zusammen mit dem Windchill meinen halbschlafenden Metabolismus täglich aufs neue überfordern. Erfreulicherweise gelingt es mir aber stets, auf den restlichen Kilometern zur Stadt der Kälte durch zügiges Tempo Herr zu werden (dieses ist auch notwendig, da ich mir beim Frühstück zu viel Zeit gelassen habe und spät dran bin).

Nach dieser Talfahrt erwartete mich heute ausnahmsweise mal ein liegengebliebenes Projekt vom Vortag, bei dem noch einiges im Argen stand - O-Ton Al: ''Downhillbikes suck!'' Außerdem gab es sogleich einen Tageshöhepunkt - meinen allerersten Paycheck! Die Arbeit am Stinky, so der (passende) Name der Bergabschaukel, war nervenaufreibend und zeitaufwändig, doch bis zum Mittag hatte ich es besiegt und auch wieder einiges dazugelernt. Gerade wollte ich zur Bäckerei aufbrechen und im Anschluss meinen Paycheck zur Bank schaffen, da kam Terry mit froher Kunde in unser Bike-Basement herabgepoltert: ''Your bike's here! It's upstairs!'' Ich dankte ihm für diese erfreuliche Nachricht und begab mich gemäßigt nach oben. Okok, ich stürmte die Treppe rauf und jubelte vor Freude. Meine Begeisterung erhielt einen gehörigen Dämpfer, als die kleine runde Postfrau die Hand aufhielt: ''230Dollars and 26Cents, please.'' Ja, hier in Kanada darf ich auf mein eigenes Rad Steuern bezahlen. Wendy legte das Geld freundlicher Weise für mich aus. Damit bekam die Fahrt zur Bank eine ganz andere Bedeutung, denn ich konnte mich schon vorab von einem substanziellen Teil meines Paychecks verabschieden. Trotzdem wollte sich keine schlechte Laune einstellen, denn es war sonnig draußen, und eine Woche reicht noch lange nicht, um mich an die atemberaubende Aussicht zu gewöhnen, die man selbst von innerhalb der 'Stadt' hat. Außerdem war mein Rad da! Also habe ich zur Feier des Tages für die ganze Belegschaft Törtchen gekauft.

Der Nachmittag zog sich uuunneeeennddlliiicchhh in die Länge, ich hatte das Pech, unter anderem ein sehr ramponiertes Townie (so nennen die ihre Stadtschlampen hier) zu bekommen, an dem so ziemlich alles kaputt war. Mit viel fluchen und schimpfen - auf deutsch, davon sind die Jungs in der Werkstatt begeistert - und ein klein wenig Gewalt gelang es mir, die Schrottkarre eine halbe Stunde vor Ladenschluss wieder fit zu bekommen. Al grinste wissend: ''Now you just need to clean up your bench, and then you can build your own bike.'' Die nachfolgende Aufbauparty war definitiv das zweit-awesomste Ereignis dieser Woche. AC/DC hämmerte durch die Werkstatt, es gab reichlich Bier, und alle fanden Zeit, mal reinzuschauen und meine Freude zu teilen. In dieser Atmosphäre war es leicht, sich für das eine oder andere Upgrade am Rad zu entscheiden, denn eigentlich mussten die Teile ja schon lange ersetzt werden, und bei den super-Staff-Preisen wäre es ja dumm, nicht gleich bessere zu nehmen... (Zu diesem Zeitpunkt hatte sich dann bereits die Hälfte meines Paychecks amortisiert.)

Irgendwann gelang es mir dann doch, mich von meinem 'Arbeitsplatz' loszureißen, meine Lebensmitteleinkäufe zu machen, und mich auf meinem(!!!) Rad gen Hostel zu begeben. Kurz vor dem Abzweig zum Anstieg hatte ich dann noch die Gelegenheit, ner Elchherde beim Überqueren der Straße zuzusehen, und ich sage euch eins: wenn ihr denkt, ich hätte ne Arschruhe weg, dann solltet ihr euch die mal anschaun!

Das Bergauffahren ist eine wahre Freude mit dem Rad, das um einiges leichter und wendiger ist, als das große, schwere, und trotzdem irgendwie charmante HoChiMin. Letzter Höhepunkt des Tages war unser Abendessen, Sandwiches mit selbstgebackenen Brot, Porkchops heiß vom Grill, frischen Blattspinat & Zwiebeln. Pläne für morgen? Ausschlafen. Laange Duschen. Lääänger Frühstücken. Kekse backen (danke für die Rezepte, Mama).

Stay tuned,
Dirk

Donnerstag, 20. März 2008

Awesome!



Aber wirklich alles hier lässt sich mit diesem Multifunktionsadjektiv beschreiben. Die Wildnis ist genau das - wild, wunderschön und rieeeesiig! Riesig sind auch die Preise für Lebensmittel - 1 Glas Nutella macht 5 Bucks, n halbes kilo Hänchenfleisch 11 Bucks, der Liter Mineralwasser 2 Bucks: Jasper ist ein Mekka für Diätwillige, denn hier gewöhnt man sich das Essen ab. Awesome ist auch die Lage der Herberge, in der ich in Ermangelung einer Unterkunft residiere - z.Z. nehmen ca.700 Pipelinearbeiter jedes freie Bett in Jasper und Umgebung in Beschlag. Also hab ich die Freude, jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit 8km in die Stadt zu fahren und dabei die Aussicht zu genießen. Einem schnellen Heimweg steht dabei allerdings ein gar steiler Anstieg im Weg, verdammt lange 3km für meinen untrainierten Körper. Aber gutes Training. Sowohl Staff als auch Gäste in der Herberge sind unglaublich cool & nett.

Mir scheint die ganze Stadt ist einfach nur gut drauf. Überall wird gegrüßt und fast jeder hat Zeit für ein Schwätzchen. Am allerallerawesomesten ist jedoch Freewheel Jasper, der beste Fahrradladen der Welt, aber sowas von! Ich war am Dienstag keine 30 Minuten im Laden, und schon durft ich das erste Rad zusammenschrauben. Und weil mein Rad noch nicht da ist, hab ich für die Zeit ein Leihrad bekommen - kostenfrei natürlich. Der ganze Laden ist voll von positiver Energie, alle Leute sind total locker. Die 'Chefin', Wendy, ist das Zentrum des Trubels. Sie trinkt Kaffee literweise, redet mit Überlichtgeschwindigkweit und findet alles AWESOME.

Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass die Trails noch vereist sind, aber ich denke, für ein paar Wochen werd ich Straßentouren überleben, schließlich ist die Gegend hier so awesome.

Und damit schließt sich der Kreis, jetzt werf ich mich in mein gemütliches Bett im Schlaafsaal, morgen wartet eine weitere 10Stunden-Schicht.

Bilder wie immer im Flickr.

Stay tuned,
Dirk.



(Auf deutsch schreiben wird immer schwerer, wenn man den ganzen Alltag auf Englisch verbringt.)

Dienstag, 18. März 2008

Edmonton


''You know how people call Edmonton? Dead-Man-Town. They stab each other here, for drugs and money.'' Die Person die das zu mir sagt ist Lynn, eine kleine, leicht verwitterte, sympatisch verrückte Frau. Sie durchquert gerade Kanada mit ihrem Fahrrad, ist in Montreal gestartet. ''But I'm cheating!'', lacht sie - von Zeit zu zeit überbrückt sie größere Strecken per Anhalter, Trucks nehmen sie mit. Schutzbleche gibt es an ihrem Rad keine, es funktioniert nur eine Bremse, und sie begegnet dem Winter hier auf schmalen Slicks. Ich frage, wie sie damit auf Schnee und Eis vorwärts kommt - sie kuckt mich schief an ''They're fast.'' und damit ist das Thema erledigt. Heute fährt sie in Richtung Jasper. ''See you there''

Die Warnung der freundlichen Weltenbummlerin kann ich weder bestätigen noch wiederlegen, eines ist jedoch sicher: für Europäer ist Edmonton anders, seltsam und interessant zugleich. Rico, weit- & weitergereister italienischer Roomie, beschrieb es treffend: ''It's like you're in a movie.'' Und wirklich, alles hier ist groß und eckig, es sieht aus wie in den bekannten Filmen aus einem bekannten Land, das ich hier lieber nicht nenne, da die Kanadier degegen allergisch sind... Interessant sind außerdem die durchschnittlichen -10°C, die je nach Wind und Sonneneinstrahlung zwischen gefühlten +5°C und -20°C schwanken. All dies zu erkunden hatte ich gestern viel Zeit. Eigentlich wollte ich ja nur ein Busticket für morgen kaufen, und dazu mit dem Bus zur Greyhound-Station fahren. Das Ende vom Lied war, dass ich (freiwillig!(Ja!!(ECHT JETZ!!!))) ungefähr fünf Stunden durch Downtown und Old Strathcona spaziert / gerannt (je nach Wärmegefühl) bin.

Der heutige Tag kann ebenfalls unter der Überschrift Eigentlich wollte ich ja nur... zusammengefasst werden. Ich beabsichtigte ursprünglich, diverse Kleinigkeiten, die ich nicht dabei habe (Kamerastativ, Barttrimmer, Haarspülung etc), zu besorgen. Der perfekte Anlass, die (angeblich) weltgrößte Mall zu besuchen, in deren 700irgendwas Geschäften es sicher alles was man braucht und noch viel mehr was man nicht braucht geben sollte. Dieses Einkaufszentrum beherbergt unter anderem einen ausgewachsenen Vergnügungspark, ein Wellenbad mit mindestens 50 Kilometer Rutschen, die (angeblich) höchste Indoorbungeeanlage der Welt, ein Tauchcenter, ein Hotel mit Ballsaal, eine Robbenshow und keinen einzigen nützlichen Wegweiser.



Ich will da NIE wieder hin! Und ja, ich habe fast alle Artikel auf meiner Liste abhaken können. Mit wenigen Ausnahmen gelang es mir auch, dem allgemeinen Kaufwahn zu widerstehen - einzig der Test, ob ich schon in ne ZARA Filiale reingehen kann, ohne was zu kaufen, ist wieder einmal negativ ausgefallen. Oh, und die Levi's für $35 war ja echt günstig. Und was kann ich dafür wenn ich, zuversichtlich dem Konsumteufel entkommen zu sein, auf dem Heimweg von ebendiesem überfallen werde? Donuts für 65ct das Stück? I've died and gone to Heaven! 200g Tee & 1 Flasche Wein für je $20? Welcome to Hell! Ich tröste mich damit, dass ich in Jasper vor all diesen Verlockungen sicher bin, da gibts schließlich nur 3 Fahrradläden...

Morgen muss ich halb sechs los, hoffentlich werde ich da im dunkeln nicht doch noch überfallen...

Bilder von meinen Expeditionen findet ihr im Flickr.

Stay tuned, Dirk.