Eine Herberge ist der ideale Ort, um nette Leute aus aller Welt zu treffen, mit ihnen zu kochen, zu reden, zu singen... Man kann mit anderen Reisenden Ausflüge machen, und ein klein wenig von ihrer Sprache und Kultur kennenlernen. Man ist quasi nie allein, und hat immer jemanden, mit dem man sich unterhalten kann. Hier lässt es sich aushaulten.
So oder so ähnlich waren meine Gedanken während der ersten Woche hier im Hostel. Während dieser Zeit war Chris (reisender Musiker, Philosoph & Genussmensch) sowas wie ein ständiger Begleiter:
An einem gewissen Punkt - ich kam von der Arbeit, er hatte gekocht und fragte mich wie mein Tag war - stellten wir amüsiert und ein wenig erschrocken fest: ''It's like we're married!'' Leider ist er vor einiger Zeit nach Vancouver weitergezogen, hat aber seine Rückkehr im Mai angekündigt, dann will er mir Fliegenfischen & Gitarrieren beibringen. In der Zwischenzeit habe ich viele weitere nette Leute kennenlernen dürfen, doch die Gewohnheit lässt nach und nach die Vorteile des Hostelling in einem anderen Licht erscheinen: nach einem langen Arbeitstag hat man einfach keine Lust, sich von wildfremden Menschen ein Gespräch aufzwingen zu lassen, vor allem wenn es die hundertste Variation von ''How are you? - Nice wheather! - What do you do in town?'' ist. Zumindest müssen es schon sehr nette wildfremde Menschen sein. Das selbe gilt für die Morgen, an denen man einfach viel zu müde von viel zu wenig Schlaf ist und nichts als sein Frühstück in sich reinstopfen will. Und das - wenig Schlaf - kann im großen Schlafsaal durchaus häufig vorkommen, zum Beispiel wenn eine koreanische Reisegruppe lautstark ihre Pläne für den nächsten Tag diskutiert, und das um zwei Uhr nachts! Ok, zugegeben, es kann sein, dass sie über koreanische Fußballigen debattierten, so gut ist mein Koreanisch nun auch wieder nicht. Sie waren auf jeden Fall so emsig bei der Sache, dass sie sich von meinem freundlichen ''Shut the fuck up!'' nicht abhalten ließen. Dass dann einer der Experten es noch schaffte, durch den Notausgang zu stolpern und den Feueralarm auszulösen war dann schon fast wieder komisch. Aber nur fast. Wer kann sich meine Freude ob ihrer Abreise am nächsten Tag vorstellen? Danke, ihr könnt die Hände wieder runter nehmen.
Doch die Atem(bzw Schlaf-)pause sollte nicht lange anhalten, denn als ich am nächsten Tag von Arbeit heimkam, verhieß ein vor der Herberge stehender Schulbus nichts gutes. Ich wurde nicht enttäuscht. Drinnen fand ich eine Horde von Highschoolinsassen vor, für deren Erziehung, Kultur und allgemeines Verhalten sämtliche Eltern und Lehrer zur Verantwortung gezogen werden sollten. Interessierte es aber ihre Begleitpersonen, dass sie (Gras) rauchten und tranken was das Zeug hielt und nicht hielt? Oder dass sie eigentlich permanent Lärm im Schlafsaal veranstalteten? Positiv ist allerdings zu vermerken, dass hier meiner nachdrücklichen Bitte um die Einhaltung der Ruhezeit doch zumindest in Ansätzen (=für fünf Minuten) Folge geleistet wurde. Den netten jungen Menschen hab ich auch zu verdanken, dass ich an einer schon länger geplanten Wanderung nicht teilnehmen konnte. Ich wollte mit den beiden Engländern Andy & Tom (Mr Bean, ohne Mist!) um 03:30 aufbrechen, um von Whistler's Top aus auf 2400m Höhe den Sonnenaufgang zu beobachten. Leider bekam ich in der Nacht davor nur etwa zwei Stunden sehr unregelmäßigen Schlaf, uhd sah mich so nicht in der Lage, einen Aufstieg von etwa vier Stunden durch Schnee, Eis und Dunkelheit zu wagen. Stattdessen schlief ich so gut es denn ging aus, und feierte die Abreise der Highschoolklasse mit einem (selbst für mich) außergewöhnlich langen Frühstück.
Und da ich schon nicht mit auf die Wanderung gehen konnte, wollte ich wenigstens noch auf dem Rad noch etwas frische Luft schnappen. Und für eine kurze Runde von maximal zwei Stunden wollt ich nicht erst was zu essen oder trinken mitschleppen. ... So, ihr könnt jetzt wieder aufhören zu lachen. Und da ich nur kurz unterwegs sein wollte, und die Trails eben noch nicht befahrbar sind, dachte ich mir, ich nehm einfach mal den Pfad neben der Straße, weil das ja sonst langweilig ist. Interessant war es auch, zu versuchen, auf dem aufgeweichten Weg eine Zielerichtete Vorwärtsbewegung aufrechtzuerhalten. Als der Weg dann für absehbare Strecke einem teilweise überfrohrenen Binnegewässer glich, gab ich mich geschlagen und nahm die Straße. Es sah etwa so aus:
Selbst von der Straße aus war die Szenerie so schön, dass man sich nichts anderes wünschen konnte, als einfach nur immer weiter zu fahren, und vielleicht ab und an mal das eine oder andere Bild zu machen.
Zumindest dachte ich das, bis ich an diese Stelle kam:
Eine abgesperrte, schneebedeckte Straße, die zu einm Aussichtspunkt führt? Viel besser wird's nicht! Die ersten paar Meter waren katastrophal. Meine Reifen waren zu schmal, und anstatt mich voranzubringen, bewirkte jeder Tritt nur, dass ich mich tiefer und tiefer in den Schnee eingrub. Glücklicherweise weiß ich durch ausführliche Lektüre von Jills Blog, was man in so einem Fall macht: Lüften. Und zwar feste, bis die Reifen fast platt sind. Das Ergebnis: Auftrieb! Zwischen den Ski- und Schneemobilspuren (und einigen beunruhigend großen Tierpranken) war meine die allererste Fahrradspur. Zwar war der Rollwiederstand hoch, und der Anstieg dementsprechend anstrengend, aber das war mir recht. Von Zeit zu Zeit sanken selbst meine künstlich verbreiterten Reifen im nassen Schnee ein, doch auch das waren willkommene Herausforderungen. Ich war glückselig: nach der langen Zeit im Hostel, wo immer Menschen um einen herum sind endlich mal wirklich allein. Ich kroch im Schneckentempo über die Straße, schaufte, schwitzte Eimerweise und konnte mir kaum etwas schöneres auf der Welt vorstellen. Als ich dann nach einer Weile aus dem Wald und auf dem Aussichtspunkt ankam, war ich fast etwas enttäuscht. Jetzt schon umdrehen? Da sollte doch irgendwo in der Nähe ein Hostel sein, und Leute sollen da auch sein, da könnte man doch mal hinfahren. Und vielleicht könnte man dort auch ein Glas Wasser bekommen, denn nach knapp zwei Stunden stellt sich so langsam Durst ein. also weiter die Straße entlang, weiter mit der ungleich größeren Widerstand, den Schnee dem Radfahrer entegen setzt, weiter durch die schönste aller Landschaften:
Die Langsamkeit, mit der der unendliche, dichte Wald vorbeizog und die Regungslosigkeit der umstehenden Berge ließen mich jedes Gefühl für Zeit verlieren. Einerseits wähnte ich hinter jeden neuen Kurve mein Ziel, das Hostel, andererseits hätte ich für immer so weiterfahren können. Naja, fast für immer. Langsam aber sicher begannen sich die ersten Ermüdungserscheinungen zu manifestieren, und was zu trinken wäre auch nicht verkehrt. Und wie weit konnte es denn sein? Es ging also weiter und weiter. Kurve für Kurve, Rampe für Rampe bezwang ich in meinem Schneckentempo. Ich began ernsthaft, an Umkehr zu denken, da sah ich ein Schneemobil auf der Straße stehen. Jetzt war ich mir sicher - gleich bin ich da! Mit neuem Mut verdoppelte ich meine Anstrengungen. Dadurch wurde ich jedoch kaum merklich schneller, nur müder. Langsam begannen sich kleine Fahrfehler einzuschleichen, und die Einsamkeit erschien noch größer. Irgendwann sah ich dann ein, dass ich das Hostel nicht erreichen würde, und kehrte um, nahm es aber mit Humor:
Auf der Abfahrt wartete dann eine böse Überraschung auf mich: die Sonne hatte einige (auch längere) Abschnitte so aufgeweicht, dass es beinahe noch anstrengender war, vorwärts zu kommen, und beinahe unmöglich, die Spur zu halten. Unten angekommen freute ich mich dann ungemein darüber, wie leicht es auf der Straße denn rollte, und dass das Rad wirklich mal dort hin fährt, wo es soll. Die letzten Kilometer zum Hostel staunte ich wieder einmal und immer noch wie groß hier eigentlich alles ist:
Erst auf dem letzten Anstieg bemerkte ich dann, wie ermüdet, hungrig und durstig ich eigentlich bin. Nicht einmal auf der allerersten Fahrt dort hinauf - untrainiert, mit schwerer Tasche & schweren Rad - hab ich mich so schinden müssen.
Dennoch war es für mich bisher der schönste Tag in Kanada!
Stay tuned,
Dirk.
Nachtrag - Hier noch ein Bild von mir an meinem Arbeitsplatz:
Montag, 7. April 2008
On Hostelling
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1 Kommentar:
Hallo Dirk :-)
Ich gönne mir regelmäßig eine kleine Dosis deines Blogs und muss sagen:
Sehr schöne Berichte!
(das Schreiben liegt dir ja)
Und was für ne tolle Landschaft :-O
Wenn du mal wieder ein Bild eingestellt hast mit diesen majestätischen Bergen und Wäldern von atemberaubender Weite ...
... dann muss ich immer ganz tief seufzen und werde neidisch ...
Daher erlaube ich mir immer nur kleine Portionen - bevor mich das Fernweh doch noch rum kriegt! :-|
Dir geht's augenscheinlich gut - wenn auch die Hostelbelegung vielleicht bisschen nervt. Aber nicht das du dort noch zum Spiesser mutierst :-D
Dein Arbeitsplatz sieht auch recht ordentlich aus. Also eben so wie ich's in einem richigen "Schrauberstübchen" so erwartet hätte. Vielleicht kriegst du ja deine Kollegen auch mal vor die Kamera?
Mit den besten Grüßen,
Tobias
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